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The Holy Bitch Project

häusliche, sexualisierte und digitale Gewalt gegen Frauen

von Christiane Mudra

Uraufführung am 20. Juni 2021
Weitere Vorstellungen: 21., 23.-27. und 29. Juni 2021 
Tickets:
pathosmuenchen.de

Foto: Verena Kathrein

Christiane Mudra untersucht in The Holy Bitch Project anhand von Gesprächen mit betroffenen Frauen und Expert:innen Dynamiken von analoger und digitaler Gewalt gegen Frauen in Deutschland und ihren kulturellen wie gesellschaftlichen Nährboden.
In Anlehnung an den Film Matrix (1999) schlucken die Zuschauer:innen wie der Filmheld Neo die rote Pille, die einen Blick hinter makellose Kulissen gewährt. Das Publikum folgt den Performer:innen in ein interaktives Labyrinth aus Spielszenen und binauralem Sound, in dem häusliche, sexualisierte und digitale Gewalt erfahrbar wird. Da die Alt-Right-Bewegung und die frauenfeindlichen „Incels“ die Filmmotive zur Verbreitung misogyner Verschwörungstheorien nutzen, macht sich The Holy Bitch Project die Matrix-Welt bewusst zu eigen und etabliert ein feministisches Gegennarrativ.

Kontext

Im November 2019 wurde eine 28jährige Berlinerin von ihrem Partner erstochen, weil sie sich trennen wollte. Die Justiz stuft die Tat wie in vielen ähnlichen Fällen als Totschlag ein, denn der Bundesgerichtshof hatte 2008 geurteilt, der niedere Beweggrund als Mordmerkmal sei anzuzweifeln, wenn „die Trennung von dem Tatopfer ausgeht und der Angeklagte sich durch die Tat dessen beraubt, was er eigentlich nicht verlieren will“. Der Besitzanspruch des Mannes wirkt also strafmildernd. Die Formulierung suggeriert eine Mitverantwortung des Opfers. Ende September 2019 urteilte das Landgericht Berlin, dass die Bezeichnung „Drecks-Fotze“ für die Bundestagsabgeordnete Renate Künast keine strafbare Beleidigung sei. Diese Gerichtsurteile zeigen exemplarisch, mit welchen Wertesystemen Frauen nach wie vor konfrontiert sind. Trotz insgesamt rückläufiger Gewaltzahlen und zunehmender Gleichberechtigung wird in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Die Zahl der Tötungsversuche ist dreimal so hoch. 2019 wurden fast 115.000 Frauen Opfer häuslicher Gewalt. Die Tendenz ist steigend. Nur eine von hundert vergewaltigten Frauen in Deutschland erlebt die Verurteilung des Täters. Nachdem der Bundesgerichtshof 1966 „Opferbereitschaft“ beim ehelichen Geschlechtsverkehr gefordert hatte, wurde die Vergewaltigung in der Ehe erst 1997 verboten. Die MeToo-Debatte hat erstmals eine breite Sensibilisierung für sexualisierte Gewalt bewirkt. Echte Konsequenzen sind jedoch ausgeblieben. Obwohl sich Partnerschaftsgewalt gleichermaßen durch alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten zieht und die weit überwiegende Mehrheit der Tatverdächtigen deutsche Staatsbürger sind, hält sich fälschlicherweise das Klischee, es handele sich um ein Unterschichts- oder Migrantenphänomen.

Auch online werden Politikerinnen, Journalistinnen oder Aktivistinnen, die sich kontrovers äußern, mit Vergewaltigungsdrohungen bombardiert. Im Bereich des Stalkings oder der Überwachung der eigenen Partnerin bietet die Digitalisierung hoch invasives Werkzeug wie das Auslesen von Mobilgeräten oder die Fernsteuerung von Smart Home Systemen durch Spy Apps, die den Psychoterror perfektionieren. Pornoplattformen ermöglichen anonymen Nutzern den Up- und Download von Videos und öffnen damit dem Missbrauch Tür und Tor. Die Phänomene sind nicht neu. Doch digitale Mittel spitzen sie zu.

Simone de Beauvoir schrieb einst in „Das andere Geschlecht“: „On ne naît pas femme; on le devient.“ Wie werden heute Frauen zu Frauen? Wie werden Frauen zu Opfern? Wie wird die Frau zur Trophäe, zum Besitz erklärt? Welche Rolle spielt der weibliche Körper im Kapitalismus? Ist der Frauenkörper längst zum Schlachtfeld geworden?
Angesichts der unveränderten Gewaltzahlen untersucht The Holy Bitch Project neben den Erfahrungsberichten betroffener Frauen und der Rechtslage in Deutschland auch patriarchale Strukturen, gewaltverherrlichende Songtexte, Rollenbilder in Märchen und Liebesgeschichten, den Einfluss der Pornoindustrie auf Ästhetik und Sexualität, Erziehungsmuster und Beispiele für die alltägliche Abwertung oder Entmündigung von Frauen. Im Kern stehen die Fragen: Wo beginnt Gewalt? Wie gelingt es uns als Gesellschaft, patriarchale Strukturen zu überwinden und für Augenhöhe und Respekt einzutreten?
Ziel des Abends ist es, die Aufmerksamkeit für die Dimension seelischer und physischer Gewalt gegen Frauen zu schärfen, Angehörige aller Geschlechter miteinander ins Gespräch zu bringen, ein Zeichen zu setzen und handlungsfähig zu werden.



Das Geheimnis der Matrix

Antifeministen vernetzen sich online und international. Sie formulieren ein „Grundrecht“ auf Fortpflanzung, unterstellen Feministinnen die Unterdrückung der wahren Männer machen sie für das Aussterben des wie auch immer definierten Volkes verantwortlich.
Nachdem sich die rechtsextreme und frauenfeindliche Incel-Bewegung (Incel steht für Involuntary celibacy, also unfreiwillig im Zölibat Lebende) in US-amerikanischen Onlineforen formiert und immer wieder die Tötung von Frauen propagiert hatte, ließen die realen Gewalttaten nicht lange auf sich warten: Nach Elliot Rodger (2014, Isla Vista) hatte zum Beispiel auch der Toronto-Attentäter Alek Minassian eine eindeutige Nachricht hinterlassen: „The Incel Rebellion has begun“. Spätestens mit dem Attentäter von Halle, der ein ähnliches Mindset aufweist, ist dieses Phänomen auch in Deutschland angekommen.
Als Folie für The Holy Bitch Project dient der Film „Matrix“ (lat.: Gebärmutter) von 1999, dessen Macher, die Wachowskis,  sich später beide als transgender outeten und die Matrix-Filmreihe als Metapher für die Transition benannten. Da die Alt-Right-Bewegung und die frauenfeindlichen „Incels“ die Filmmotive zur Verbreitung misogyner Verschwörungstheorien nutzen, macht sich The Holy Bitch Project die Matrix-Welt bewusst zu eigen und etabliert ein feministisches Gegennarrativ.

Workshops

Wo sind meine Grenzen? Empowerment für Frauen
Präsenzworkshop mit Susanne Funk am 22. Juni 2021 von 18-21 Uhr
Anmeldung über pathosmuenchen.de

Die Sozialpädagogin, Familien- und Traumatherapeutin Susanne Funk berät seit 17 Jahren Frauen bei Partnergewalt und unterstütze Familien nach Häuslicher Gewalt. In diesem Workshop sensibilisiert sie durch grundlegende Informationen zu Formen, Dynamik und Auswirkungen von Partnerschaftsgewalt. Sie thematisiert die Schamgefühle und das Schweigen von Gewaltbetroffenen, Tätern und ihrem Umfeld. Sie schult Selbstwahrnehmung und Selbstbehauptung und regt durch theoretischen Input und praktische Übungen Wege aus der Ohnmacht hin zu einem selbstbestimmten Handeln an.

Digitale Sicherheit
Präsenzworkshop mit Daniel Moßbrucker am 27. Juni 2021 von 14-17 Uhr
Anmeldung über pathosmuenchen.de

Bei digitaler Überwachung denken viele zunächst an Geheimdienste oder Cyber-Kriminelle. Die realen Bedrohungen für Frauen lauern aber meist woanders: Welche Bilder sollte ich nicht online teilen? Wie stelle ich meine Social Media-Profile möglichst privat ein? Wie könnte mein:e Ex-Freund:in mich mit einer Späh-App ausforschen? Kann mein:e Partner:in meine WhatsApp-Nachrichten lesen, wenn wir im selben WLAN sind? Diese und andere Fragen beantwortet Daniel Moßbrucker, Journalist und Trainer für digitale Sicherheit, in einem interaktiven Workshop.


Credits

Konzept, Recherche, Text und Regie: Christiane Mudra

Mit: Meriam Abbas, Charity Collin, Sebastian Gerasch, Murali Perumal, Corinna Ruba, Isabella Wolf

Bühne und Kostüm: Julia Kopa
Sound Design: Martin Rieger / VRtonung
3D-Animation: Yavuz Narin
Video: Kevin Fuchs / Visual Vitamin
Licht Design und Technische Leitung: Peer Quednau
Mitarbeit Recherche und Social Media: Silvia Bauer
Regieassistenz: Carolin Pfänder
Produktion: ehrliche arbeit- freies Kulturbüro
PR: Kathrin Schäfer KulturPR
Grafik: Jara López Ballonga
Fotos: Verena Kathrein